Historischer Hintergrund

Im Juli 1927 verübt die Wiener Polizei im Rahmen einer linken Demonstration ein Massaker, bei dem knapp 90 Menschen sterben. Sieben Jahre später, im Februar 1934, wird die österreichische Arbeiter*innenbewegung in einem dreitägigen Bürger*innenkrieg endgültig zerschlagen und illegalisiert. Diese beiden Ereignisse waren einschneidende Momente in Richtung eines autoritären Umbaus der Gesellschaft, sie stehen aber im Kontext größerer politischer Auseinandersetzungen zwischen Demokratie und Faschismus in Österreich und weiteren europäischen Ländern.

In der offiziellen Geschichtserzählung scheinen die zwei Jahrzehnte nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg 1918 bis zum „Anschluss“ an das Deutsche Reich 1938 als eine Entwicklung, die unausweichlich in die Katastrophe führen musste: Die schlechte wirtschaftliche Lage und der fehlende Glaube an die österreichische Nation führten zu einer Radikalisierung beider politischer Lager, eine konstruktive Zusammenarbeit war – anders als in der Zweiten Republik – nicht mehr möglich.

Diese Darstellung blendet allerdings aus, dass sich das bürgerliche Lager bereits ab den späten 1920ern zunehmend zum Faschismus wandte und die staatliche Repression – primär gegen Linke – kontinuierlich verschärft wurde. Ausgeblendet bleiben auch vielfältige emanzipatorische Gegenentwürfe, Praktiken des politischen Widerstands und Gegenstimmen in Kunst und Kultur.

Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe im Sommer 2018 sowie einer Geschichtsreise im Mai 2019 werden wir uns mit den politischen Auseinandersetzungen im Wien der Zwischenkriegszeit beschäftigen und dabei insbesondere den Blick auf widerständige Praktiken in Politik und Kultur richten: Welche Perspektiven für eine emanzipatorische Gesellschaft gab es? Wie wurde Widerstand gegen staatliche Repression und die Rechten „auf der Straße“ artikuliert? Welche Zugangsweisen und Konflikte gab es innerhalb der Arbeiter*innenbewegung? Welche künstlerischen Gegenstrategien wurden entwickelt?

Geschichte ist keine Sache der Vergangenheit, dessen Interpretation und Bewertung verhandelt vielmehr das Selbstverständnis unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Dabei erscheint der historische Faschismus gerade sehr aktuell zu sein: Regierungsmitglieder lassen mit mehrdeutigen Aussagen aufhorchen, auch kritische Stimmen verweisen auf Parallelen in der Geschichte. Dabei sind wir auch real mit einer autoritären und rassistischen Austeritätspolitik konfrontiert. Wie können die aktuellen Entwicklungen vor dem Hintergrund der Zwischenkriegszeit verstanden und eingeordnet werden? Wie legitim sind Vergleiche mit geschichtlichen Ereignissen? Welche Rolle spielt der „Kampf um die Geschichte“ für die gegenwärtige Politik? Kann uns das Wissen über die Geschichte dabei helfen, Gegenstrategien für heute zu entwickeln?

kritTFM und present:history



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